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Die Toten Hosen

„Der Computer ist nicht der

Gegner der ursprünglichen

Punk-Idee!”

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Seit September ´07 kommen sie endgültig zu jedem, der möchte, ins Wohnzimmer: Die Toten Hosen haben als erste Band eine monothematische SingStar-Edition mit ihren Songs gefüllt. Jörg Langer sprach, bereits auf der GC 2007 in Leipzig, mit Campino (Andreas Frege) und Kuddel (Georg Andreas Christian von Holst) über Spiele, Internet und Suchtverhalten.

Jörg: Ihr seid ja als Band dafür bekannt, immer mal wieder bei Privatfeiern und sogar in Wohnzimmern aufzutreten. Jetzt seid ihr endgültig im Wohnzimmer angekommen, mit einer eigenen SingStar-Edition. Reicht es euch mit den echten Kleinauftritten?

Campino: Den Gedankengang kann ich nicht nachvollziehen. Im Grunde tragen wir mit dem Spiel den Punk-Gedanken – “hör auf, Helden zu bewundern, und mach’s einfach selber” – weiter. Bei unseren Wohnzimmerkonzerten haben mir sowieso sehr häufig die Leute das Mikrofon weggenommen, weil sie die Texte besser können als ich!

Jörg: Eure Fans rufen ganz gerne mal “Kommerz” oder “Ausverkauf”, wenn ihr…

Campino: Halt, das sind nicht unsere Fans, die das rufen. Und die das rufen, würden das rufen, egal, was wir machen! Wenn wir uns ausverkaufen wollten, wäre es ein Leichtes, eines von den vielen Werbeangeboten anzunehmen, die uns jeden Tag ins Haus kommen. Wenn wir was gemacht haben, sind das immer Dinge gewesen, die uns “ideologisch” überzeugt haben. Ich bitte darum, zu registrieren, dass wir hier von einer Pionierleistung sprechen: Noch nie hat eine Band den Mut gehabt, mit einem eigenen Spiel herauszukommen.

Jörg: Wieso gerade SingStar und Sony, weshalb nicht zum Beispiel Rockband und Electronic Arts?

Campino: Das hat auch etwas damit zu tun, ob der jeweilige Partner Lust auf dich hat. Wir haben mit Sony schon in unserem normalen Beruf zusammengearbeitet, und es gehört auch ein wenig der Spirit dazu, dass die Leute dir das zutrauen. Wir hatten auch immer die Idee, ein Spiel zu entwickeln. Aber wir haben begriffen, dass unsere Mittel zu begrenzt sind. Um ein neuwertiges Spiel zu entwickeln – das wäre der Traum aller Träume –, da musst du Millionen investieren. Und wir hätten gerade das Geld, um eine schwächliche Version unserer Vision herauszubringen. Doch das wäre dann keine Konkurrenz zu all den anderen Spielen. Die Kids fragen sich nicht, ob das irgendein Freak aus Düsseldorf entwickelt hat oder eine große Firma in Japan, die wollen einfach nur ein geiles Spiel! Insofern war es klar, dass wir mit jemand zusammenarbeiten müssen, der Erfahrung mit so etwas hat.

Jörg sprach mit Campino und Kuddel auf der Leipziger Games Convention.

Jörg: War euch SingStar ein Begriff vorher?

Kuddel: Ja, meine Kinder spielen das gern, und teilweise mache ich mit. Wenn meine Frau Ace of Spades von den Motörheads singt, ist das schon immer sehr lustig. Das Spiel ist auch ungewöhnlich, weil du nicht nächtelang alleine davorhängst.

Jörg: Ihr wisst schon, dass man nicht wirklich singen können muss für SingStar, sondern nur Rhythmus und ungefähre Tonhöhe treffen muss.

„Man muss ja auch nicht singen können, um
bei den Toten Hosen als Sänger zu arbeiten.“

Campino: Man muss ja auch nicht singen können, um bei den Toten Hosen als Sänger zu arbeiten. SingStar ist ein Partyspaß. Mir gefällt die Ambivalenz: Du kannst einmal voller Leidenschaft als überzeugter Fan dein Bestes geben. Du kannst aber auch alles als Veräppelung durchziehen, wie wir das früher mit den Disco-Liedern gemacht haben.

Jörg: Hat Sony euch angerufen und gesagt, “hier habt ihr Geld, gebt uns einige Lizenzen”, oder seid ihr richtig involviert gewesen?

Campino: Wir mussten schon über die Ästhetik des Spiels reden, da waren wir gleichberechtigte Gesprächspartner. Und die Auswahl der Stücke kam natürlich erstmal von uns. Die Klassiker sind drauf, aber auch einige anspruchsvolle Sachen wie Still, still, still. Wir haben darauf geachtet, vor allem Stücke zu nehmen, zu denen es auch Videoaufnahmen gibt — nur Live-Material, das wäre nicht gut.

Jörg: Wie steht ihr eigentlich zu Raubkopien?

Campino: Ich denke, dass die Raubkopien die CD-Industrie bereits versenkt haben, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie das auch merkt. Aber mit dem Bergbau ist es ebenfalls zu Ende gegangen, und die Leute mussten sehen, wie es weitergeht. Die technische Entwicklung zu bejammern und stoppen zu wollen, ist ein Irrsinn. Man sollte die Chancen sehen und nutzen. Jemand kann dein Lied downloaden in einem Land, in dem es nie eine Platte von dir gegeben hat!

Jörg: Aber wie verdient ihr dann noch Geld mit Musik?

Campino: Man muss runterkommen von der Idee, dass sich der Künstler von einer CD ernährt. Das geht nicht mehr. Es kann nur darum gehen, dass der Künstler eine Figur wird, mit der man sich identifiziert, zu dessen Live-Konzerten man geht, und von dem man auch ein T-Shirt haben möchte. Es geht um ein Gesamtkonzept. Mit Liederträllern auf CD können die jungen Künstler nicht mehr über die Runden kommen. Um die Musik selbst muss man sich keine Sorgen machen. Und vielleicht wird es ja auch einmal ein von allen akzeptiertes Bezahlsystem für Internet-Downloads geben, durch das man kaum noch schlüpfen kann.

Jörg: Nun gibt es nicht nur Partyspiele, sondern auch 3D-Shooter. Wie steht ihr, als Väter, zu Gewalt in Computerspielen?

Kuddel: Meinen Sohn interessiert so was zum Glück überhaupt nicht. Da muss ich mit ihm nicht drüber reden. Ich persönlich mag diese härteren Sachen überhaupt nicht.

Laut Campino gibt es kein Foto mehr in einer Zeitung, das nicht bearbeitet wäre.

Campino: Mir gefällt in dem Zusammenhang nicht, dass hier nur über einen Ausschnitt eines ganz großen gesellschaftlichen Themas geredet wird. Diese Spiele sind nur eine Facette. Was ist denn mit den ganzen Bildern, die wir täglich sehen und von denen wir glauben, dass sie die Realität zeigen? Es gibt kein Foto mehr in einer Zeitung, das nicht irgendwie bearbeitet wäre! Schon der Falklandkrieg wurde mit ganz klinisch-sauberen Bildern übertragen. Es ist eine Heuchelei, das auf diese Spiele zu reduzieren! Dass die Kinder nur noch Fastfood essen und McDonald’s die Welt erobert, ist unter gesundheitlichen Aspekten auch nicht zu vertreten. Ich halte es aber für richtig, dass man Jugendliche, bis sie 16 oder vielleicht 18 sind, beaufsichtigt als Eltern, dass man die nicht einfach stundenlang durchspielen lässt auf ihren Zimmern. Denn das hat ein hohes Suchtpotenzial. Ich selbst bin gar kein Spieler. Aber wenn ich mal anfange, einen Begriff in eine Suchmaschine zu tippen und dann da „reinversinke“ – und ich war eigentlich müde wie sonst was – und plötzlich hängst du da bis 4 Uhr morgens und hast deine Zeit verschwendet. Es gibt soviel anderes, das wichtiger ist in der Welt. Und dass muss man den Kids notfalls durch eine strikte Zeiteinteilung beibringen. Sobald etwas, auch Rauchen oder Cannabis, zu einem Hauptinhalt wird im Leben, wird’s gefährlich. Aber Kuddel und ich sind da eh Experten: Als wir Anfang 20 waren, hatten wir im Büro einen Defender-Automaten…

Kuddel: Ein geiles Spiel! Da war dann um 18 Uhr die Arbeitsbesprechung zu Ende, und wir wollten noch ein Stündchen spielen. Dann holte jemand Pommes, und plötzlich war es 11 Uhr vormittags.

„Wenn jemand acht Stunden am Tag
in einer virtuellen Welt hängt, dann
ist das für diese Person Realität!“

Campino: Diese Frage, was ist Realität, muss man immer wieder für sich abchecken. Wenn jemand acht Stunden am Tag in einer virtuellen Welt hängt, dann ist das für diese Person Realität! Was für uns alle, glaube ich, shocking ist, das ist die Potenzierung der Geschwindigkeit von Neuerungen. Wir kommen alle noch aus einer Generation, in der noch eins nach dem anderen passierte: Schau mal hier, der erste Farbfernseher, und so. Und jetzt prasselt es an allen Ecken und Enden auf einen herab. Und das ist es, was uns eigentlich überfordert heutzutage, nicht die einzelnen Neuerungen an sich.

Jörg: Die Toten Hosen kommen aus dem Punk. Punk war eine Protestbewegung. Würde Punk heute wieder funktionieren, trotz all der YouTubes, Online-Communites und Co, über die sich die Leute von zuhause aus austauschen können?

Campino: Unbedingt! Gerade über das Internet. Nehmen wir an, die Punk-Explosion würde erst 2007 stattfinden, 30 Jahre später. Gerade, weil es im Internet keine Zensur gibt und weil viele Dinge kostenlos sind. Du würdest einen Song aufnehmen und einfach bei YouTube reinstellen. Klar, wie immer würde sich der Mainstream die fettesten Sachen schnappen, und der Underground müsste schauen, wo er bleibt. Doch der Computer ist nicht der Gegner der ursprünglichen Punk-Idee!

Jörg: Aber nochmal: Die Leute würden tatsächlich auch heute noch entsprechend angezogen auf der Straße rumlaufen, statt einfach in ihrem Kämmerlein vor dem PC zu sitzen?

Campino: Das habe ich nicht gesagt. Das Internet würde genutzt, um Treffpunkte zu organisieren. Oder, wenn du hörst, da ist ne neue Band aus Milwaukee, könntest du dir sofort den Song runterladen. Aber vielleicht trägt diese Schnelligkeit Schuld, dass eine Entwicklung erst gar nicht richtig entstehen kann, bevor sie schon wieder von der nächsten überrollt wird.

SingStar Toten Hosen bietet 24 Klassiker der deutschen Band.

Jörg: Zurück zu Sing Star Die Toten Hosen: Wird es mehr solche Projekte von euch geben?

Campino: Das Spiel ist für uns einfach ein Versuch, wie wir es mit vielen Dingen machen. Aber das sind Nebenbaustellen, die uns nicht daran hindern, konzentriert im Proberaum zu sitzen und neue Lieder zu schreiben. Nach zwei Jahren Pausen bei den Toten Hosen verstärkt sich langsam doch der Hunger, dass wir wieder live spielen wollen und auch neue Lieder machen wollen. Das wird dann alles 2008 rauskommen.

Jörg: Und nervt es euch nicht, ob nun bei SingStar oder euren Live-Auftritten, immer wieder mit euren alten Hits konfrontiert zu werden?

Campino: Wenn ich wüsste, da unten stehen nur 50jährige, und die warten nur auf Hier kommt Alex, das wäre traurig. Ich war letztens bei den Rolling Stones, und das war ein ambivalentes Erlebnis. Das große Glück in unserem Leben ist, dass die Leute nicht kommen, um Opelgang zu hören, wir sind noch weit entfernt von einer Oldie-Nacht. Die Leute kommen auch, um unsere neuen Sachen zu hören. Und das gibt uns die nötige Souveränität, um Spaß an den alten Liedern zu haben.
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Interview: Jörg Langer (2007)