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Spielehefte in Europa

Was lesen Spieler in
anderen Ländern?

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Andere Länder, andere Spielemagazine. In diesem Artikel vergleiche ich Frankreich, England und Deutschland und gebe einen groben Überblick über den Rest Europas. So haben im fernsehsüchtigen Spanien vor knapp drei Jahren fast alle Spielehefte dichtgemacht, in Polen und Skandinavien gibt es starke eigene Marken. Ein einziger Verlag kontrolliert die meisten Spielehefte Englands, Frankreichs und Italiens. Und: Die deutschen Publikationen sind trotz großer Verluste in den letzten Jahren auflagentechnisch weit, weit vorne.

Anmerkung: Die Zahlen stammen aus Vergleichsgründen aus dem 1. Halbjahr 2006 bzw. Jahresende 2005.

England

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Man könnte UK und Irland auch kurz in „Futureland“ umtaufen: Von vier Spieleheften in Großbritannien stammen ungefähr drei von diesem Verlag. Wie hierzulande die IVW (Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.), misst in England die gestrenge, 1931 gegründete ABC die Verkaufszahlen der Hefte. Die 22 gemeldeten Titel verkauften im 1. Halbjahr 2006 insgesamt 644.106 Stück im Monat, wobei 78 Prozent auf Konsolen, 16 Prozent auf PC-Spiele und 5 Prozent auf Multiformat (PC und Konsole) entfallen. Die Dominanz der Videospiele und insbesondere der PS2 ist unübersehbar

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England ist ein Kioskmarkt, der Abo-Anteil beläuft sich nur auf rund 10 Prozent (Deutschland: ca. 20 Prozent). Allerdings haben die Briten offensichtlich den Untergang ihres Empires noch nicht wirklich verdaut: Dass PC Gamer (vielleicht aufgrund der US-Schwesterzeitschrift) glaubt das weltweit größte PC-Spieleheft zu sein, wirkt angesichts der harten Realität befremdlich. Denn selbst das deutsche PC-Spielemagazinmit mit der niedrigsten Auflage (aktuell die PC Action) verkauft fast doppelt soviel. Da nimmt sich der Covertext von PC Zone fast schon bescheiden aus: „Britain’s best PC games mag“. Die größte UK-Spielezeitschrift ist mit 100.117 Exemplaren das Official PlayStation 2 Magazine.

Frankreich

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Franzosen lassen gerne mal Fünfe gerade sein. Folgerichtig verrät das französische IVW-Äquivalent FNPS nur die Druckauflagen der Marktteilnehmer, und selbst die wurden von den Verlagen noch großzügig auf die nächste 1.000er oder 10.000er Stelle aufgerundet. Ich habe für diesen Vergleich eine Remissionsquote (wie viele Hefte unverkauft retourniert werden) von jeweils 45 Prozent abgezogen — das ist meiner Erfahrung als Chefredakteur nach ein realistischer bis leicht positiver Anteil. Der auf diese Weise geschätzte Gesamtverkauf der FNPS-gemeldeten Spielehefte beträgt 413.600 Stück, die sich zu 62 Prozent auf Konsolen, zu 25 Prozent auf PC und zu 13 Prozent auf Multiformat verteilen. Führend ist PlayStation 2 Le Magazine Officiel mit rund 71.500 Exemplaren, auf Platz 2 folgt die altehrwürdige PC-Zeitschrift Joystick (ca. 56.650), knapp vor dem franzöischen PC Gamer (PC Jeux, ca. 55.000)

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Deutschland

Wenn die deutschen Spiele-Redaktionen über ihre seit 2004 um gut 25 Prozent eingebrochenen Auflagen jammern, klagen sie auf hohem Niveau: Der deutschsprachige Raum bleibt der mit Abstand größte Markt für gedruckte Informationen zu Electronic Entertainment. Führend ist das Multiformat-Magazin Computer Bild Spiele (Springer), das im 1 Halbjahr 2006 im Schnitt 462.298 Hefte pro Monat absetzen konnte. Dahinter folgen die PC-Spezialisten GameStar (IDG, 270.684) und PC Games (Computec, 211.087). Das meistverkaufte Konsolenmagazin im 1. Halbjahr 2006 war OPM 2 (Cypress, 60.617), das einen Hauch vor GamePro (IDG, 60.171) lag.

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Während westlich und südlich von Deutschland die Konsolenmagazine den Ton angeben, ist es hierzulande genau andersrum: Die PC-Spielehefte machen 49 Prozent des Marktes aus, Multiformat kommt auf 40 Prozent, die reinen Konsolenmagazine teilen sich ärmliche 13 Prozent. Die IVW-Gesamtauflage des Segments erreicht im Schnitt 1.572.232 Exemplare, also 50 Prozent mehr als UK und Frankreich addiert. Auf Konsolenseite (ohne Multiformat) stehen allerdings 207.278 verkauften deutschen Exemplaren 256.300 französische und 504.704 britische gegenüber.

Benelux & Nordeuropa

In Holland und Dänemark werden gerne auch englische und US-Hefte gelesen. 50.000 Exemplare von Power Unlimited will das Verlagshaus VNU in Holland verkaufen, davon 30.000 im Abonnement. Da ich gewisse Einblicke in holländische Auflagen habe, bezweifele ich beide Zahlen. Deutlich weniger setzt auf jeden Fall PCZone (IDG) ab. In Belgien und Luxenburg finden sich vor allem Importe aus Frankreich.

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In Skandinavien gibt es eine – angesichts der geringen Bevölkerungsmenge – erstaunlich vitale Spieleheft-Kultur. So feilt das finnische Magazin Pelit seit 1992 an seinem Ruf der Unbestechlichkeit, während Newcomer Pelaaja (vom Verlag H-Town) sich den Luxus leistet, die PC-Spiele in das Spinoff PCpelaaja auszugliedern. In Schweden ist SuperPLAY seit 1993 im Markt und erreicht Auflagen von bis zu 20.000 Heften. Der ärgste Konkurrent heißt Reset.

Südeuropa & Iberische Halbinsel

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Spanier haben angeblich den ganzen Tag den Fernseher laufen, da bleibt einfach keine Zeit zum Lesen. Wir haben trotz aller Bemühungen nur ein einziges spanisches Heft aus der Ferne zu Gesicht bekommen, PlayMania von HobbyPress. Die Portugiesen importieren ihre Games-Periodika offensichtlich aus Brasilien, etwa das Tippsheft Dicas&Truques. In Griechenland bringt IDG gleich drei Games-Magazine heraus, GamePro, Computer Games und PS2.

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Der größte Markt Südeuropas ist der italienische, auch wenn hier die Beilage (DVDs, CDS, Vollversionen) eher zur Hauptsache avanciert: Der dortige Budget-Spielemarkt findet nämlich am Kiosk statt, weil die Distributoren dabei kräftig Steuern sparen. Wie in England und Frankreich kontrolliert Future das Geschehen. Giochi per il Mio Computer kommt als größtes Games-Heft auf beachtliche 62.339 verkaufte Exemplare im Monat. Weitere klangvolle Titel gefällig? Bitteschön: Videogiochi, The Games Machine und Nintendo La Rivista Ufficiale (bitte jeweils mit Eisdielen-Fake-Akzent aussprechen).

Osteuropa

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Von 40 Millionen Polen wollen nicht wenige regelmäßig über gra komputerowa sowie gra telewizyjna lesen, in Heften wie Play (Springer), Click!, CD Action (Bauer) oder PC Games CD. Die Auflagen der polnischen Hefte knacken teilweise die 100.000er Grenze. In Bulgarien soll PC Mania seit der Gründung im Jahr 1998 auf etwa 15.000 Exemplare geklettert sein. In Ungarn gibt es eine Ausgabe der GameStar zu bewundern, die auflagentechnisch wie ihre Mitbewerber im unteren fünfstelligen Bereich liegt. Doch niemand kommt in Ungarn an die ehrfurchtsvoll bestaunten Veteranen von PC Guru heran.

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Fazit

Was beim Blättern an gut sortierten Bahnhofskiosken oder in extra importierten Heften auffällt: Egal, welches Alphabet und welche Sprache, die Themen sind fast immer dieselben. Eben die aktuellen Spiele-Hits, im September/Oktober also beispielsweise Fifa 07, Half-Life Episode 1 oder Crysis. In soweit scheint es keinen nennenswerten Unterschiede zwischen spielenden Deutschen, Finnen, Italienern oder Bulgaren zu geben.
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Artikel (c) Jörg Langer, 2006