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GameStop-Imperium

Untergang der

Spiele-Fachhändler

Die roten Stecknadeln stehen für GameStop/ebgames-Filialen.

Nach mehreren Übernahmen, dem Aufkauf duch Barnes&Noble, späterer Firmenausgründung und Schlucken von EB Games ist aus einer kleinen Klitsche die größte Spielehandelskette der Welt geworden. Rund 85 Fillialen (meist unter dem Namen ebgames) existieren bereits in Deutschland, und es sollen noch mehr werden.

 

Was 1983 mit dem US-Softwareladen Babbage’s begann, ist heute ein Börsenunternehmen mit 4,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz. Rund 33.000 Mitarbeiter gehören weltweit zum GameStop-Imperium. Mitte 2006 betrieb GameStop 4592 Ladengeschäfte, davon 3684 in den USA, der Rest in 13 anderen Ländern. 450 davon sind in Europa, 261 in Kanada und 197 in Australien/Neuseeland. Das Unternehmen macht in den USA soviel Umsatz mit Spielen wie der Handelsriese WalMart. Da nehmen sich rund 100 Ladengeschäfte im deutschsprachigen Raum noch bescheiden aus, doch beschleunigt schon diese Zahl den Pulsschlag manches Branchenvertreters. Ob aber aus Angst oder aus Vorfreude, das kommt ganz auf den Standpunkt an: Einzelhändler sehen GameStop als gefährliche Konkurrenz, Spielehersteller freuen sich über den möglichen Gegenpol zu Media Markt/Saturn – auch wenn sie das öffentlich nie zugeben würden.

Auf dem Vormarsch

Durch den Zusammenschluss von GameStop und EB Games von April 2005 bis Januar 2006 hat sich GameStop extrem vergrößert. Der Marktanteil in USA bei Spieleverkäufen stieg von rund 15 auf 25 Prozent, der Umsatz verdoppelte sich. Bei dem Zusammenschluss behielt GameStop nicht nur beim Namen klar die Oberhand: Die Zahl der Managementposten blieb auf dem Stand von GameStop vor dem Merger, viele EB-Games-Manager mussten gehen. Auch in Deutschland ist die Spielekette seit dem Zusammenschluss plötzlich präsent.

Eine typische GameStop-Filiale in einem Einkaufszentrum.

Anfang November 2006 existierten in Deutschland 85 Filialen des Konzerns, dazu kommen acht in der Schweiz und fünf in Österreich. Von den deutschen Ladengeschäften schmücken sich gerade mal neun neuere mit dem GameStop-Logo, 76 andere laufen bis auf weiteres noch unter „EB Games“. Da ist noch Raum für Expansion, zumal außer den Postleitzahlengebieten 4 und 5 (mit 26 Filialen) die Ladendichte nicht sonderlich hoch ist: Norddeutschland kommt aktuell auf zehn, Ostdeutschland auf neun Shops. Und obwohl sich die Firmenzentrale im beschaulichen Memmingen befindet, gibt es in ganz Süddeutschland (PLZ-Gebiete 7, 8, 9) gerade mal 19 Läden.

Schweigen im Walde

Würden Sie Ihre Eroberungspläne an die große Glocke hängen? Jaqueline Ehrenfeld jedenfalls macht das nicht. Sie ist Vice President und Einkaufschefin Deutschland, will aber zu den Themen Expansion und Weihnachtsgeschäft „im Moment keine Interviews geben.“ Und auch sonst nichts sagen. Im vertraulichen Gespräch mit Groß- und Versandhändlern bekommen wir durchaus Giftiges über die US-Firma zu hören: Schon manches ausländische Handelsunternehmen habe versucht, auf den deutschen Markt zu kommen, und sei kläglich gescheitert. Von einer viele Millionen dicken Geldspritze aus Amerika wird erzählt, die bald verpulvert sei.

Michael Kattillus, Geschäftsführer des bekannten Spielehändlers (und Versandshops) Game World in Berlin, zeigt sich entspannt: „Mit GameStop ist ein weiterer Mitbewerber im Markt, nicht mehr und nicht weniger. Wir müssen auch weiterhin versuchen, uns von allen anderen Markteilnehmern abzuheben, sei es nun Amazon, GameStop, Karstadt oder Media Markt. Natürlich spricht GameStop eher das Fachpublikum an, aber ich habe da keine Angst.“ Auch Wolfgang Myrth, Chef des Großhändlers Playcom, hält den Ball flach: „Ich sehe GameStop nicht als Bedrohung für den Facheinzelhandel. Alleine schon durch die Lage der GameStop-Filialen in Einkaufscentern oder Innenstädten werden mittelfristig wohl eher die dort ansässigen Konzerne Umsatzeinbußen verzeichnen.“

Michael Kattilus, Geschäfstführer Game World

„Die Fachhändler gehen Pleite“

 

Günther Groß, Geschäftsführer von Groß-Electronics, der mit seinem Spiele-Großhändler viele Einzelhändler in ganz Deutschland beliefert, ist über GameStop alles andere als glücklich: „Wenn man eine gewisse Größenordnung hat wie GameStop jetzt, mit 80, 90 Filialen in Deutschland, geht die Industrie natürlich gerne auf einen zu. GameStop zahlt für die Spiele fast den Preis, den wir als Großhändler bekommen.“ Das heißt, wenn der Großhändler seine Marge draufschlägt, sodass er Geld verdienen kann, werden die Preise beim Einzelhändler höher als bei GameStop. Groß weiter: „Es läuft langfristig darauf hinaus, dass die kleinen Fachhändler nach und nach Pleite gehen. Außer vielleicht in ländlichen Gegenden, die für Media Markt/Saturn zu klein und für GameStop zu uninteressant sind.“

Mancher Spielehersteller freut sich darüber, dass es mit GameStop in Deutschland einen weiteren gewichtigen Marktteilnehmer gibt. Der Händlerkette traut ein Vertreter einer namhaften Spielefirma sogar eine Imagesteigerung für die ganze Branche zu, weil Spieleläden dadurch in Einkaufszentren salonfähig würden, während sie sonst eher in Bahnhofsnähe oder fernab des Zentrums zu finden seien. Außerdem glauben die Spielehersteller, bei GameStop auch langfristig bessere Preise durchsetzen zu können als bei MediaMarkt und Saturn.

Über 20 neue Läden in 2007?

In USA kann GameStop in Sachen Games mit der Riesen-Einkaufskette WalMart mithalten (in Deutschland ungefähr vergleichbar mit Metro), zusammen sorgen die beiden Konzerne für rund 50 Prozent der Spiele-Umsätze. In einem Analystengespräch im August 2006 kündigte Dick Fontaine, Chairman and CEO von GameStop, 600 neue Ladengeschäfte in 2007 an. Davon sollen etwa 350 in USA und 250 in der restlichen Welt eröffnet werden. Nimmt man den aktuellen Anteil Deutschlands an den bestehenden internationalen GameStop-Filialen als Anhaltspunkt und unterstellt man, dass dieses Verhältnis ungefähr bleiben soll, könnte das im Jahr 2007 über 20 neue Filialen in Deutschland bedeuten.

Michael Kattillus kann noch nicht sagen, ob die Strategie von GameStop eine andere ist als die der übernommenen EB-Games-Gruppe. „Ich denke, eher nicht. Es werden wohl auch weiterhin viele Filialen in Einkaufszentren eröffnet. Das ist deren Prinzip, vielleicht klappt das, vielleicht nicht. Der deutsche Markt ist schon etwas anders gestrickt als der amerikanische!“

Die Strategie von GameStop

Wollfgang Myrth, Chef von Playcom.

„Dass GameStop mit Gebrauchtspielen handelt, ist nichts Neues“, sagt Playcom-Chef Wolfgang Myrth. „Das machen auch viele unserer Facheinzelhändler mit großem Erfolg.“ Allerdings ist bei GameStop die Gebrauchtware wichtiger Teil der Konzernstrategie. Analysten fragen regelmäßig bei der Konzernleitung nach, wie es um das Verhältnis von Gebraucht- zu Neuware in bestimmten Quartalen bestellt ist. Klare Sache: GameStop will nicht eBay das große Geld mit Wiederverkäufen machen lassen, sondern selbst dasselbe Spiel zwei- oder dreimal an den Mann bringen.

Deshalb hat jeder Shop die Aufgabe, möglichst viele Gebrauchtspiele einzusammeln. Während die Kunden in den USA für ihre alten Spiele wahlweise Bargeld oder Rabatte bekommen, ist ersteres für Deutschland noch in Planung. Bislang heißt hier die Devise: Bringt der Kunde zwei beliebige Second-Hand-Titel, so erhält er ein brandneues Produkt auf derselben Plattform zu ungefähr dem halben Preis, den man normalerweise im Laden zahlt. Gebrauchte PC-Spiele möchte GameStop Deutschland nicht haben. Die PC-Plattform nimmt hierzulande aber einen größeren Platz ein als in amerikanischen Filialen. Dafür nimmt GameStop beim Kauf einer Wii gebrauchte GameCubes entgegen und verrechnet sie mit einigen Euro.

In USA bewährte Tricks

Typisch amerikanisch ist das Einschwören der GameStop-Belegschaft auf gemeinsame Umsatz- und Profit-Ziele. Ende September 2006 fand in Dallas die jährliche GameStop Managers Conference statt. Dabei wurden fast 4.000 US-Store-Managern nicht nur klargemacht, wie das Weihnachtsquartal zur Gewinnmaximierung zu nutzen sei. Die namhaften Spielehersteller durften außerdem für ihre Weihnachtshits und Konsolen-Launches werben – kleinere Bestechungen wie kostenlose Nintendo-DS-Spiele sowie Wii Points (zum Download von Classic Games) angeblich eingeschlossen. Auch in Deutschland gab im Herbst 2006 den Vendor’s Day, auch hier erhielten die Filialleiter oder Vertreter die Chance, direkt von Herstellern deren Produktportfolios präsentiert zu bekommen.

 

Die Verkaufstricks von GameStop sind in Deutschland die gleichen wie in USA: Hemmungslos werden Dutzende von kommenden Top-Spielen in die Regale gestellt – schade nur, dass diese sich aus der Nähe als Vorbestell-Werbung entpuppen. Da steht dann auch – vor Verkaufsstart – schon mal „Bully“ auf dem Cover, obwohl dieses Spiel der GTA-Macher RockStar Games doch längst in „Canis Canem Edit“ umgetauft worden war. Das deutsche Ladenpersonal des Konzerns gilt als durchaus freundlich und kompetent. Mit dem überzeugten Spielespezialisten, der seit Jahren seinen eigenen Spezial-Laden führt, kann es unseren Stichproben nach aber nicht mithalten.

MediaMarkt und Co. kalkulieren pro Kunde, nicht unbedingt pro Produkt.

Marktmacht in Rot und Blau

GameStop ist sicher eine Gefahr für kleinere Fachhändler. Doch es gibt auch noch den „großen Roten“ samt seiner blau gefärbten „Geiz ist geil“-Schwester. Media Markt/Saturn (zur selben Firmengruppe gehörend) sorgen je nach Hersteller für 40 bis 60 Prozent der Spieleverkäufe in Deutschland. Der jede Woche aufs Neue wirksame Trick: Attraktive Midprice-Produkte, insbesondere DVDs und Computerspiele, werden in Tageszeitungsbeilagen extrem günstig beworben. Verkaufspreise teils unter dem Einkaufspreis lohnen sich, wenn die Angelockten vor Ort fleißig sonstige Produkte erwerben.

Das sieht auch Playcom-Geschäftsführer Wolfgang Myrth so: „Computer- und Videospiele sind für einen Elektronik-Großmarkt oft nur Frequenzbringer.“ Auf GameStop bezogen folgert Myrth: „Die müssen mit Computer- und Videospielen sowie Zubehör Geld verdienen, also kann die Kette nicht ständig Top-Titel unter oder zum Einkaufspreis verkaufen.“ Und Game World-Geschäftsführer Michael Kattillus bekennt: „Ich mache nicht gerade Freudensprünge, wenn ich morgens die Zeitung aufschlage und mal wieder einen Media-Markt-Prospekt mit erstaunlich günstigen Spiele-Preisen sehe. Wir verkaufen dennoch aktuelle Top-Spiele gut, wenn auch nicht mit so hohen Stückzahlen wie früher. Wir haben aber ja auch eine ganz andere Ausrichtung als die großen Ketten, wir setzten auf eine breite Spielevielfalt. Mit der kann ein Media Markt, und ich denke auch ein GameStop, einfach nicht mithalten.“

Mit Herzblut und Beratungskompetenz

Ist der kleine, engagierte Spielehändler überhaupt noch überlebensfähig? Günther Groß ist zutiefst pessimistisch in dieser Frage: „Sicher ist es was anderes, wenn bei einem kleinen Fachhändler der Inhaber selbst hinter dem Tresen steht, und mit Herzblut bei der Sache ist. Aber auf Dauer lässt sich dieser Konkurrenzkampf schwer überleben. Zumal die kleinen Händler auch kaum in den Genuss von Giveaways oder sonstigen unterstützenden Maßnahmen kommen.“

 

Wolfgang Myrth blickt selbstsicher in die Zukunft: „Der Preis ist nicht der ausschlaggebende Faktor! Viel wichtiger sind Themen wie Sortimentsbreite, Warenverfügbarkeit, Kompetenz der Mitarbeiter, Beratung und Flexibilität. In diesen Bereichen sind unsere Facheinzelhändler heute schon hervorragend aufgestellt und kaum angreifbar.“ Die Bedeutung eines gut sortierten Inventars betont Michael Kattillus ebenfalls: „Wir führen auch ältere Titel, und zwar mehr, als selbst in das größte Spieleregal der Märkte passen würden. Eine große Produktvielfalt ist für unsere Kunden eine wichtiger Grund, uns als Stammhändler zu wählen.“

Wir wollen von Michael Kattillus wissen, ob der Wunsch nach Beratung nicht zurückgehe. „Das sehe ich nicht so. Klar, bei einem aktuellen Top-Titel, der in den Medien ausführlich gefeatured wurde, braucht der Kunde oft keine Hilfe mehr. Aber bei vielen anderen Spielen will er sie haben. Fragen, ob ein Spiel vernünftig auf seinem PC läuft, müssen beantwortet werden können. Auch suchen die Kunden oft ähnliche Produkte zu Spielen, die ihnen besonders gut gefallen haben.“ Für diese Beratung zahle der Käufer bei Game World zwar unter Umständen fünf Euro mehr als in Dumping-Märkten. Doch würde er 50 Euro zuviel ausgeben, wenn er sich das falsche Spiel kaufe. Kattillus weiter: „Dieser Lerneffekt tritt leider erst ein, wenn die Kunden einmal auf die Nase gefallen sind. Aber er funktioniert.“

Die ebgames.de-Website gehört ebenfalls zum GameStop-Imperium.


Düstere Zukunft?

Während früher bestimmte Titel für 149 D-Mark und mit großem Profit den Besitzer wechselten, sind heute im Großhandel Margen zwischen 3 und 7 Prozent als normal. Günther Groß stören vor allem die Direktverkäufer von Neuware bei eBay: „Auch ein GameStop oder ein Media-Saturn muss irgendwann mal Marge fahren, aber die ganzen E-Bay-Verkäufer, die nur am Porto einige Euro verdienen, die schieben halt alles durch. Dadurch wird das ganze Preisgefüge kaputt gemacht.“ Auch Michael Kattillus sieht GameStop nicht als Hauptproblem: „Dass durch GameStop die Preise weiter gedrückt werden, glaube ich nicht. Diese Problematik haben wir ja schon länger durch Amazon, Media Markt und Saturn. Ich sehe auch momentan wenig Marketing von GameStop in diese Richtung.“

Günther Groß zeichnet ein düsteres Bild: „Momentan gibt es fünf Spiele-Großhändler in Deutschland, in zwei Jahren werden mindestens zwei davon nicht mehr im Markt sein. Unser Kuchen wird einfach immer kleiner. Wer weiß, ob in fünf oder zehn Jahren Spiele überhaupt noch physisch gekauft werden, oder nicht einfach im Internet gekauft und dann gleich downgeloadet werden?“

Was kann man als Endkunde tun? Wer die Beratung durch „seinen“ Fachhändler vor Ort schätzt, der ihn gut berät, der hat ein einfaches Mittel: Weiter bei diesem Händler kaufen, auch wenn seine Preise mal 5 Euro über dem liegen, was Media Markt und Co. haben wollen. Und vor allem: Er sollte sich nicht offline (also im Laden) beraten lassen oder gar probespielen, und dann online beim billigsten Versender der einschlägigen Preissuch-Maschinen bestellen. Denn dann hat der Händler den Aufwand, den Umsatz aber jemand, der außer Spiele verschicken nichts kann und nichts tut.
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Artikel (c) Jörg Langer

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Info: Die Geschichte von GameStop

1983 Gründung des Softwareladens Babbage’s.

1994 Zusammenschluss mit Software Etc. zu Babbage’s Etc.

1999 Aufkauf von Babbage’s Etc. durch die Buchhandelskette Barnes & Noble.

2000 Aufkauf der Funco Inc. und deren Funcoland-Ladengeschäfte durch Barnes & Noble.

2000 Umbennung von Babbage’s Etc. in GameStop Inc., die zur Tochergesellschaft von Funco Inc. wird.

2004 GameStop Inc. wird zur eigenständigen Firma.

2005 Im Oktober Zusammenschluss von GameStop mit EB Games.

2006 Im Januar ist der Merger abgeschlossen. GameStop und EB Games existieren bis dato als
eigene Marken weiter, die Läden gleichen sich aber in Aufbau und Sortiment stark.

2006 Seit März sind alle EB-Games-Filialen an das Inventarmanagement-System vom GameStop angeschlossen.

2007 Rund 20 neue Filialen könnten in diesem Jahr in Deutschland eröffnet werden.